Leben in einer kranken Gesellschaft
Oct 27, 2026Manchmal lohnt es sich, auf das eigene Leben zurückzublicken und sich zu fragen, wie man eigentlich dort angekommen ist, wo man heute steht. Welche Erfahrungen haben uns geprägt? Was haben wir unterwegs gelernt und was vielleicht verloren?
Wenn ich diese Fragen für mich beantworte, lande ich immer wieder an einem ganz bestimmten Punkt. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass er nicht nur etwas mit meinem eigenen Leben zu tun hat.
Haben wir das Menschsein verlernt?
Wenn ich auf mein erstes Jahrhundert auf diesem Planeten zurückschaue, dann bin ich einerseits unglaublich dankbar. Dankbar für all die Erfahrungen, die ich machen durfte. Für die Menschen, die mir begegnet sind. Und auch dafür, wohin sich mein Leben entwickelt hat. Aber gleichzeitig bin ich besorgt. Denn wenn ich mir ansehe, wie wir Menschen heute leben, dann frage ich mich manchmal tatsächlich: Haben wir das Menschsein verlernt?
Ich hatte großes Glück in meinem Leben. Schon als Kind habe ich immer wieder den Weg in die Natur gesucht. Da war etwas, das mich angezogen hat. Ich konnte es damals natürlich noch nicht erklären. Aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass ich mehr davon wollte. Und mit mehr meine ich gar nicht unbedingt mehr Zeit. Sondern mehr Tiefe. Mehr Beziehung. Die Natur war der Raum, in dem ich forschen und entdecken konnte. Sie war mein Geheimversteck, wenn ich der Welt entfliehen wollte. Und sie war dieser stille Ort, an dem ich etwas spüren konnte, das ich damals noch gar nicht benennen konnte. Heute würde ich vielleicht sagen: Dort konnte ich der Schöpfung nahe sein. Damals hatte ich für all das noch keine Worte. Ich wusste nur: Dort fühle ich mich wohl.
Meine Mutter hat viel Zeit mit uns Kindern im Wald verbracht. Und später hatte ich das Glück, Schulfreunde zu haben, deren Mütter es ebenfalls wichtig fanden, dass wir nicht den ganzen Tag irgendwo drinnen sitzen. Also wurden wir hinausgeschickt. Und wir machten unsere Forschungsreisen. Wir entdeckten die Welt. Vielleicht wurde damals etwas in mir wach, das später nie wieder ganz verschwunden ist. Dieser Wunsch, nicht nur in die Natur zu gehen, sondern wirklich mit ihr zu leben. Und irgendwann begann ich, genau das zu versuchen. Zuerst ganz pragmatisch. Ich wollte lernen, wie man draußen lebt. Und ich musste ziemlich schnell feststellen: Ich konnte es nicht.
Ich dachte lange, ich hätte eine tiefe Beziehung zur Natur. Heute würde ich sagen: Ich hatte eine tiefe Sehnsucht nach ihr. Das ist nicht dasselbe. Denn obwohl ich viel Zeit draußen verbracht hatte, kannte ich die Natur eigentlich kaum. Ich hatte eine Vorstellung von ihr. Vielleicht sogar eine romantische Vorstellung. Aber eine Vorstellung ist noch keine Beziehung. Und die Natur hat mich ziemlich schnell eines Besseren belehrt. Ich bin bei meinen ersten Versuchen, wirklich mit ihr zu leben, immer wieder kläglich gescheitert. Manchmal hatte ich beinahe das Gefühl, sie spuckt mich wieder aus. Und das war schwierig für mich. Denn auf der einen Seite war dieser unglaublich starke Wunsch, nicht nur Besucher zu sein. Ich wollte Natur nicht als Kulisse benutzen. Nicht am Wochenende hinausfahren, mich dort ein bisschen erholen und danach wieder in mein eigentliches Leben zurückkehren. Ich wollte dazugehören. Aber gleichzeitig musste ich erkennen, dass ich gar nicht wusste, wie das geht.
Und irgendwann verstand ich etwas: Das Problem war nicht die Natur. Und das Problem war auch nicht einfach nur, dass mir irgendwelches Wissen fehlte. Das Problem lag viel tiefer. Ich war in eine Welt hineingeboren worden, die mir von Anfang an erklärt hatte, was die Welt ist. Meine Eltern erklärten sie mir. Die Schule erklärte sie mir. Bücher erklärten sie mir. Andere Menschen erklärten sie mir. Und natürlich ist daran zunächst überhaupt nichts falsch. Wir brauchen Wissen. Aber irgendwann hatte ich so viele Beschreibungen über die Welt bekommen, dass ich gar nicht bemerkte, wie wenig ich die Welt selbst wahrnahm. Ich wusste, wie Dinge heißen. Ich wusste, wie man sie einordnet. Ich wusste, was andere Menschen darüber herausgefunden hatten. Aber ich hatte kaum gelernt, wirklich hinzusehen.
Und dann tauchte mein Lehrer in meinem Leben auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon viele Jahre versucht, meine Beziehung zur Natur zu vertiefen. Ich hatte versucht, draußen zu leben. Ich hatte gesucht. Ich hatte experimentiert. Und ich war immer wieder gescheitert. Dann verbrachte ich meine erste Woche bei meinem Lehrer. Sieben Tage. Und diese sieben Tage haben mein Leben umgedreht. Lange dachte ich, er hätte das gemacht. Heute weiß ich, dass das eigentlich nicht stimmt. Er hat mir nichts gegeben, was nicht schon vorher da war. Er hat mir geholfen, wieder zu sehen.
Und vielleicht war genau das das Außergewöhnlichste an ihm. Er wollte nie, dass ich seine Beschreibung der Welt übernehme. Er wollte nicht, dass ich etwas glaube, nur weil er es sagte. Er wollte, dass ich hinschaue. Dass ich beobachte. Dass ich Fragen stelle. Dass ich überprüfe. Und dass ich meine eigenen Schlüsse ziehe. Er wollte nicht, dass ich nach seiner Beschreibung der Welt lebe. Er wollte, dass ich das echte Leben erkenne. Das, was tatsächlich vor mir liegt. Und wenn ich heute, nach all den Jahren, versuche zusammenzufassen, was das Kernstück seiner Arbeit war, dann würde ich wahrscheinlich genau das sagen: Er hat Menschen wieder beigebracht zu sehen. Nicht das zu sehen, was sie sehen sollten. Nicht das zu sehen, was sie gelernt hatten. Sondern wahrzunehmen, was tatsächlich da ist.
Und ich bin heute noch verblüfft darüber, wie wenig wir davon wahrnehmen. Denn genau dort liegt für mich inzwischen eine der größten Gefahren unserer Zeit. Wir können unser gesamtes Leben verbringen, ohne unser Leben wirklich zu sehen. Wir sehen unseren Partner jeden Tag und bemerken vielleicht trotzdem nicht, dass sich etwas in ihm verändert hat. Wir gehen jahrelang denselben Weg und könnten kaum beschreiben, welche Pflanzen dort wachsen. Wir schauen jeden Morgen in unser eigenes Gesicht und würden wahrscheinlich erschreckend wenige Details davon aus dem Gedächtnis beschreiben können. Wir leben auf dieser Erde. Wir trinken ihr Wasser. Wir essen, was auf ihr wächst. Wir atmen ihre Luft. Unser gesamtes Leben hängt von ihr ab. Und trotzdem können wir ihre Veränderung über Jahrzehnte übersehen. Bis die Veränderungen so groß geworden sind, dass sie kaum noch zu übersehen sind.
Und wenn ich unsere Gesellschaft heute mit dem betrachte, was mein Lehrer mir beigebracht hat, dann sehe ich etwas, das mich zutiefst beunruhigt. Wir zerstören unsere eigene Lebensgrundlage. Und wenn ein lebendes System beginnt, genau das zu tun, würden wir normalerweise nicht sagen, dass dieses System gesund ist. Mir fällt dabei immer wieder Krebs ein. Eine Krebszelle zerstört am Ende den Organismus, von dem ihr eigenes Leben abhängt. Und manchmal frage ich mich: Wie konnten wir Menschen so weit kommen?
Ich glaube nicht, dass die Antwort einfach darin liegt, dass Menschen schlecht sind. Oder dumm. Oder dass sie zu wenig wissen. Vielleicht ist sogar das Gegenteil ein Teil unseres Problems. Wir haben heute Zugang zu mehr Wissen als wahrscheinlich jede Generation vor uns. Und trotzdem zerstören wir die Grundlage unseres eigenen Lebens. Vielleicht haben wir deshalb gar nicht in erster Linie ein Wissensproblem. Vielleicht haben wir ein Wahrnehmungsproblem. Wir sehen nicht mehr. Oder genauer: Wir sehen hauptsächlich das, was wir zu sehen erwarten. Und diese Erwartungen stammen sehr oft nicht einmal von uns selbst. Sie stammen aus der Beschreibung der Welt, die wir übernommen haben. Von unseren Eltern. Von unserer Kultur. Von unserer Ausbildung. Von Experten. Von Medien. Von unserer sozialen Umgebung. Und irgendwann halten wir diese Beschreibung für die Wirklichkeit. Das eigene Beobachten kommt dabei immer mehr zu kurz.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum wir heute so viel Wissen ansammeln und gleichzeitig in manchen Bereichen immer weniger vom Leben verstehen. Ich habe in meinem Leben Menschen kennengelernt, die kaum eine formale Schulbildung hatten und trotzdem Dinge über das Leben verstanden, die ich bei hochgebildeten Menschen oft vermisst habe. Mein Lehrer war einer von ihnen. Damit möchte ich nicht sagen, dass Bildung schlecht ist. Aber Bildung wird dann problematisch, wenn Wissen beginnt, die eigene Wahrnehmung zu ersetzen. Wenn wir glauben, etwas zu kennen, nur weil wir darüber gelesen haben. Wenn wir glauben zu verstehen, weil wir eine Erklärung dafür besitzen. Und wenn wir irgendwann aufhören, selbst hinzusehen.
Vielleicht haben wir deshalb tatsächlich einen Teil unseres Menschseins verlernt. Aber ich glaube nicht, dass wir ihn verloren haben. Und das ist für mich ein entscheidender Unterschied. Denn vieles von dem, was einen Menschen ausmacht, ist noch da. Die Fähigkeit wahrzunehmen. Die Fähigkeit, Beziehung aufzubauen. Die Fähigkeit, uns als Teil des Lebens zu erleben. Die Fähigkeit, selbst zu beobachten. Zu fragen. Zu entdecken. Und unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht liegt genau darin auch meine größte Hoffnung. Denn was noch da ist, müssen wir nicht neu erfinden. Wir müssen wieder lernen, es zu benutzen.
Heute, nachdem ich seit 34 Jahren diese Verbindung und das Leben in der Natur unterrichte, gehört Wahrnehmungsschulung deshalb zu den wichtigsten Eckpfeilern meiner Arbeit. Und vor einigen Monaten habe ich etwas entwickelt, das ich die Wahrnehmungsüberprüfung nenne. Dabei sage ich dir nicht, wie gut oder schlecht deine Wahrnehmung ist. Das findest du selbst heraus. Niemand bewertet dich. Niemand sagt dir, was du sehen sollst. Du machst deine eigenen Erfahrungen. Du musst nur bereit sein, ehrlich hinzusehen.
Die Wahrnehmungsüberprüfung ist kostenlos. Du kannst hier direkt damit beginnen:
https://www.earthlivingmastery.de/wahrnehmung-ueberpruefen
Vielleicht beginnt die Veränderung unserer Gesellschaft gar nicht damit, dass wir noch mehr wissen. Vielleicht beginnt sie damit, dass wir wieder sehen. Dass wir den Menschen vor uns wirklich wahrnehmen. Dass wir bemerken, was mit uns selbst geschieht. Dass wir wieder wahrnehmen, was direkt vor unserer Haustür geschieht. Und dass wir die Erde unter unseren Füßen nicht nur als Ressource betrachten, sondern wieder erkennen, dass unser Leben untrennbar mit ihr verbunden ist.
Vielleicht müssen wir das Menschsein gar nicht neu erfinden. Vielleicht müssen wir uns nur wieder daran erinnern, was ein Mensch eigentlich ist.
Ein Wesen, das nicht außerhalb des Lebens steht. Sondern mittendrin.
Vielleicht ist es manchmal gut, nicht sofort zur nächsten Antwort weiterzugehen. Sondern einen Moment bei einer Frage zu bleiben und zu beobachten, was sie mit uns macht. Manche Dinge erschließen sich nicht dadurch, dass wir länger darüber nachdenken, sondern dadurch, dass wir beginnen, selbst genauer hinzusehen.
Wenn du das für dich ausprobieren möchtest, habe ich dafür die kostenlose Wahrnehmungsüberprüfung entwickelt. Du kannst hier direkt damit beginnen: